Offener Brief an die Phono-Akademie zur Echo-Verleihung 2018 vom 17.04.18

Liebe Phono-Akademie, lieber Ethikrat,

In der Januar-Ausgabe meiner Sendung “Songpoeten” auf WDR4 hatte ich bereits darauf hingewiesen und mein Entsetzen darüber ausgedrückt: Kollegah und Farid Bang waren damals in ein und derselben Woche (!) auf 28 Positionen der Top 100 der Media-Control-Charts vertreten, davon waren allein 8 Songs in den Top Twenty.

Ist sowas überhaupt möglich? Und wenn: ist die Zugrundelegung der Streamingabrufe nicht sowas wie Wettbewerbsverzerrung?

Wie auch immer: Sollten diese Zahlen tatsächlich stimmen, dann mache ich mir die größten Sorgen nicht um diese beiden Preisträger, über die bald niemand mehr reden wird, weil ihr „künstlerisches Potenzial“ mit dem Ende ihrer Postpubertät erschöpft sein wird, sondern um deren Fans. In diesem Fall sind dies heranwachsende Jugendliche in überwiegend prekären Verhältnissen. Dass die entsetzlichen Texte von Kollegah und F.Bang nun durch Ihre Auszeichnung auch in der Wahrnehmung dieser Jugendlichen aufgewertet werden, ist ein Skandal.

Ich fand es schon immer absonderlich, dass sich die Musikindustrie selber Preise verleiht für ihre Verkaufszahlen. Dass es den Verantwortlichen dabei nicht um die Musik geht, wissen wir, seit es diese Veranstaltung gibt. Was soll also dieser Preis?

Tim Renner brachte dazu dieses schöne Beispiel: Ginge es beim Echo statt um den größten Umsatz im Musikbusiness um Erzeugnisse in der Gastronomie, so würde das Gastro-Erzeugnis mit dem größten Umsatz prämiert. Und das wäre mit Sicherheit ein Hamburger von McDonalds. Oder eine Currywurst. Als leidenschaftlicher Koch hätte ICH keine Lust, so einer Veranstaltung beizuwohnen, weil es mich nur noch ekeln würde. Das Beispiel lässt sich auch mit Erzeugnissen aus der Chemie durchspielen, wobei aller Wahrscheinlichkeit nach Glyphosat dann die Auszeichnung erhielte. Und den Pulitzerpreis bekommt dann die Bild-Zeitung.

Der Selbstdarstellung der Teilnehmer und vieler Preisträger der Echo-Verleihung tat dies jedoch keinen Abbruch. Sie huldigten weiter dem schlechten Geschmack und bewiesen damit, dass es ihnen nicht um ihre Fans, sondern um deren Geld geht.

Ob jemand seinen Echo nun unter dem Druck der öffentlichen Debatte zurückgibt oder ihn als Türstopper benutzt, bleibt jedem selber überlassen, ist aber ein untrüglicher Indikator dafür, wo jemand seine Prioritäten setzt.

Die Erklärung der Phono-Akademie vom Sonntag halte ich jedoch für eine Frechheit, da dieser Eklat absehbar und keineswegs überraschend war. Sie haben es schlicht und einfach verkackt. Das ist nicht üblicherweise meine Wortwahl, passt aber zu den von Ihnen ausgezeichneten Texten und Geschmacklosigkeiten.

Die Gesellschaft, das sind wir alle. Wir alle tragen Verantwortung, jeden Tag. Jede Krankenschwester, jeder Metzger, jeder Auslieferungsfahrer, Rettungssanitäter, jeder Bäcker. Und gerade auch jeder Künstler. Wer seine Arbeit nicht verantwortungsvoll macht, muss schlimmstenfalls mit der Konsequenz des Verlustes des Arbeitsplatzes rechnen. Und genau dies trifft hier zu: Sie sollten die Konsequenzen ziehen.

Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn eine Plattenfirma einen umsatzstarken Künstler  mit einer Goldenen- oder Platin-CD auszeichnet.

Doch die Phono-Akademie, das Kulturinstitut (!) des Bundesverbandes Musikindustrie, sollte sich einsetzen für eine Kultur, die sich klar positioniert für ein gesellschaftliches Miteinander, für die Vielfalt und gegen Ausgrenzung. Wir brauchen eine Phono-Akademie, die die Künstler fördert, denen genau das ein Anliegen ist.

Werden Sie anständig! Seien Sie schlicht und ergreifend Vorbilder für Ihre Kinder!

Ihr Purple Schulz